n einem reichen Lande lebte einst ein König, der hatte eine wunderschöne,
herzensgute Tochter, die er über alles liebte. Niemand im ganzen Lande konnte ihrem Liebreiz widerstehen, und selbst aus den fernsten Ländern kamen Freier zur schönen Prinzessin Gotlinde. Doch eines Tages wurde das arme Königs-kind schwer krank. Sie lag im Bette und rührte sich kaum und war so weiß im Gesicht wie das schneeige Kissen, auf dem sie ruhte. Der König schickte seine Boten nach den berühmtesten Ärzten im Lande und versprach demjenigen, der seine Tochter heilen könnte, eine ungeheure Belohnung. Von nah und fern strömten die heilkundigen Männer herbei, doch keiner konnte dem dahinsie-chenden Mädchen helfen. Der König war untröstlich über das Schicksal seiner Tochter, und das ganze Land trauerte mit ihm.
Als nun die königlichen Bediensteten so gar keinen Menschen finden konnten,
der Gotlinde hätte helfen können, da beschloß denn der König, selbst auszu-ziehen und nach einem Retter für sein Kind zu suchen. So nahm er eines Morgens einen einfachen Pilgermantel, denn es sollte ihn niemand auf seiner
Reise erkennen, und zog vom Schlosse fort. Drei Tage und drei Nächte lang wanderte er so unerkannt durch das Land und suchte und fragte, doch niemand konnte ihm helfen. Am Morgen des vierten Tages gelangte er in einen großen Wald, der gar kein Ende nehmen wollte. Ermüdet setzte sich der als Pilger verkleidete König auf einen Stein, um ein wenig auszuruhen. Da hörte er auf einmal hinter sich ein fürchterliches Brummen, und als er sich umwandte, gewahrte er einen großen Bären, der mit den fürchter-lichen Tatzen nach einem kleinen, verhutzelten Männchen langte. Der Zwerg schrie kläglich vor Angst und zitterte am ganzen Leibe. Da griff der König zu seinem Schwert, kämpfte mit dem wilden Tier und
erlegte es. Da sprach das von der Todesgefahr befreite Männchen: "Du hast mich vom sicheren Tode errettet und ich bin dir unendlich dankbar dafür. Wenn es in meiner Macht steht, will ich dir gerne jeden Wunsch erfüllen." Da trug ihm der König sein Anliegen vor und erzählte, wie traurig das ganze Land über die Erkrankung seiner Tochter sei. Lange dachte das Männlein nach, dann sprach es: "Wohl gibt es ein Mittel, das dem Mädchen helfen könnte, aber es ist nicht leicht zu beschaffen. Ein Mensch, der nie in seinem Leben gegen irgend ein Geschöpf unbarmherzig gewesen st, sei es nun in Taten, Worten oder auch nur in Gedanken, muß sich freiwillig auf den Weg machen und an den Rand dieses Waldes kommen und in ihn hineinwandern. Er wird an eine Stelle gelangen, an der hundert Wege auseinanderführen.
Einer von ihnen wird ihn an einen Ort führen, an dem er das Heilmittel finden wird. Irgendwo wird eine wunderbare Blume wachsen, in deren großem blauen Kelch silberne Staubfäden glänzen. An ihren Wurzeln ist das Mittel verborgen." Nach dieser Auskunft war das Männchen verschwunden.
   Da zog der König heim und ließ im ganzen Lande bekanntmachen, daß
jeder, der sich berufen fühle, ausziehen solle, um nach dem Wundermittel zu suchen. Wohl machten sich viele auf, den Weg zu suchen, doch die mei-sten mußten schon am Waldrand ratlos umkeh-ren. Einige wenige fan-den die Kreuzung mit den hundert Wegen, doch keiner fand weiter. Am Ende wollte keiner mehr den nutzlosen Weg machen.
   Am Rande des Waldes pflegte ein armer Hirtenjunge den ganzen Tag Schafe zu hüten. Der hörte viel-hundertmal die Geschichte von der kranken Prinzessin und dem todtraurigen König erzählen. Sein Mitleid wuchs von Tag zu Tag, und endlich hielt er es nicht mehr aus bei seinen Schafen. Er zog in den Wald hinein, und nachdem er einige Zeit rüstig gewandert war, gelangte er tatsächlich an die Kreuzung der hundert Wege welches ihm den rechten Weg gewiesen hätte.Immer mehr sank ihm der Mut und er wusste
sich keinen Ausweg. Da fiel auf einmal durch das dichte Blattgewirr der Bäume der erste Strahl des aufgehenden Mondes, denn es war inzwischen Abend geworden. Und was am Tage nicht sichtbar gewesen war, jetzt im Mondenschein zeigte sich auf einem der Wege ein feiner silberner Faden. Da war er sehr froh und wanderte auf diesem Wege weiter in den Wald hinein.
Am dritten Tage seiner Reise lichtete sich endlich der Wald und er gelangte auf eine kleine Wiese. Hier standen viele blaue Blumen umher, doch sosehr er auch suchte, er sah nirgends eine mit silbernen Staubfäden. Als er endlich den suchenden Blick vom Boden hob, sah er sich auf einmal am Fuße eines Berges, der funkelte und glitzerte von lauter Gold. Im ersten Augenblick wollte der arme Hirtenjunge darauf zueilen und sich die Taschen füllen, aber dann besann er sich auf die arme
Prinzessin und ihren traurigen Vater, und  er  erinnerte  sich, daß  er, wenn  er  ihnen
Hilfe  bringen  wollte, keine  Zeit  für  derlei  Dinge  habe. So wanderte er weiter.
   Auf einmal kam er an das Ufer eines lieblichen Sees, in dessen Mitte eine kleine Insel lag. Eben wollte er an
seinem Ufer entlanggehen, da sah er, daß ein fürchterlicher Drache ihm den Weg versperrte. Das Untier schien zu schlafen, doch konnte er wegen eines Felsens nicht an ihm vorbei. Leicht hätte er das schlafende Tier mit seiner Schleuder töten können, doch er dachte daran, daß auch dieses Ungeheuer gerne weiterlebte und nichts für seine wilde Natur konnte. So ließ er den Drachen leben und sprang, weil kein anderer Weg frei war, in den See. Schwimmend erreichte er die Insel. Da. sah er auf einmal eine wunderschöne blaue Blume, in deren Mitte zu seiner Freude silberne Staubfäden erglänzten, und eine feine, helle Stimme sprach: "Weil du keine Goldgier zeigtest und selbst gegen den Drachen barmherzig warst, hast du zu dieser Blume gefunden."
   Der Jüngling grub zwischen den Wurzeln der Blume nach und fand hier ein kleines silbernes Fläschchen. Mit diesem kehrte er heim und brachte es der kranken Königstochter. Kaum hatte das Mädchen die darin enthaltene Flüssigkeit getrunken, da fühlte es sich wieder ganz gesund. Der König und das ganze Land dankten dem Retter der Prinzessin, und Gotlinde wurde die Frau des barmherzigen Jünglings. Nach dem Tode des alten Königs übernahm er die Regierung und herrschte weise und gütig bis an sein seliges Ende

Ilse Edtmair