<
in Vollbesetzter Zug braust durch die Winternacht. Drinnen in den Waggons ist es warm und hell. Die Gesichter all der Menschen sind voll Spannung und Ungeduld. Warum nur? Es ist der 24. Dezember, 5 Uhr nachmittags!
In einer Ecke sitzt ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, es sieht, seit es eingestiegen ist, mindestens schon zum zehntenmal auf seine Armbanduhr. Der Schaffner zwängt sich durch den engen Gang. "Ach, bitte, Herr Schaffner", rafft sich das junge Ding auf und fragt: "Werden wir ohne Verspätung in Villach ankommen?" - "Wollen's hoffen, kleines Fräulein!" gibt der Schaffner Auskunft. Und die Kleine flüstert: "Hoffentlich, meine kleinen Geschwister müssen sonst so lang warten,
bis das Christkind kommt." - "Bist leicht auch schon in Arbeit?" fragt sie ein dicker, weißhaariger Mann. "Ja, ich bin Verkäuferin und hab' nicht frühen aus dem Geschäft wegkönnen", sagt das Dirndl und sieht schon wieder auf seine Uhr "Mutti, kommt das Christkind aber ganz bestimmt zu uns?" fragt der kleine Bub, der seine Nase an der Fensterscheibe schon fast plattgedrückt hat. "Aber ja, Peterl, wie oft soll ich's dir denn
noch sagen", gibt ihm seine Mutter ein wenig nervös zur Antwort. "Warum sollte denn das Christkind auf dich vergessen?" wendet sich eine Frau, die nebenan sitzt, an den kleinen Peter. "Ach, weißt du, ich hab' so Angst, daß das Christkind mich daheim.. in Klagenfurt sucht. Ich hab' . ihm schon ein Brieferl ins Fenster gelegt und ihm geschrieben, daß mein Vati kein Urlaub bekommen hat und Mutti und ich drum zum Vater fahren müssen. Hoffentlich hat das Christkinderl meinen Brief gefunden ruft Peter. Plötzlich drängt er sich zwischen den Knien der Reisenden durch, legt
einer alten Frau seine Hand auf den Arm und fragt ganz zart und weich: "Warum weinst du denn? Ist dir auch bang, daß das Christkind dich nicht findet?" Der alten Frau huschte zuerst ein winziges Lächeln übers Gesicht und dann flossen die Tränen wie Bächlein über ihr Antlitz.; Peterl tröstete sie: "Sei. nicht traurig. Mutti sagt, daß das Christkind zu allen guten Menschen kommt." "Ja, weißt du, kleiner Bub", sagt die alte Frau und wischt sich die Wangen ab, "ich hab' auch einen Buben, der ist zwar schon groß und liegt mit einer schweren Verletzung im Spital, und drum bin ich traurig!" Peterls Gesicht ist sehr ernst geworden. "Ich will den Himmelvater bitten, daß er deinen Buben wieder gesund macht!" sagt er Fest, und die alte Frau streichelt ihm leise über den Kopf. "Tu das, der liebe Gott hört besonders gern auf das Gebet der Kinder."
Vorne im Lokführerstand singt der Elektromotor sein gleichmäßiges Lied, und der Lokführer Tobias summt leise vor sich hin: "O Tannenbaum, o Tannenbaum..."
Sicher ist er jetzt mit seinen Gedanken daheim bei seiner Familie, die heuer ohneihn Weihnachten
feiern muß. "Hoffentlich wirft der Poldl den
Christbaum nicht vor Freude um", murmelt er vor
sich hin. Und dann: "Mutter!, kränk dich nicht,
morgen bin ich wieder bei euch! Laß die Kinder
nicht zuviel naschen, damit sie sich den Magen
nicht verderben." Der Lokführer Tobias fährt sich
plötzlich mit der Hand über die Augen, als wollte
er all die Weihnachtsbilder fortwischen, und starrt
auf die Strecke hinaus. "Kurt!, komm, schau, was
ist denn da vorn los?" ruft er den Mitfahrer. Der
schaut, schaut, schüttelt den Kopf und schaut
wieder angestrengt in das Dunkel der Strecke.
Sie fahren gerade durch einen Wald. . "Feuer auf
den Schienen!" sagt Tobias und greift nach dem
Bremshebel. "Unsinn, woher soll im Schnee das Feuer kommen!" ruft der Mitfahrer aufgeregt. "Das Licht ist
da!" schreit Tobias, zieht die Bremsen, daß ein schrilles Quietschen den Zug durchläuft und durch den
plötzlichen Ruck die Menschen in den Wagen aufschreiend durcheinanderpurzeln. Eine Scheibe klirrt,
Fenster und Türen werden aufgerissen und aufgeregt rufen die Menschen durcheinander. "Was ist passiert" -
"Ist jemand überfahren worden" - "Wer ist aus dem Zug gestürzt" Fahrgäste und Schaffner starren einen
Augenblick wie gebannt in den Wald hinaus. Da steht ein kleines, verschneites Fichtenbäumerl im Glanz
brennender Kerzen, und oben auf dem Wipfel brennt eine Fackel. "O Mutti, schau, das Christkind war da!"
ruft Peterl und hat ganz selige Augen. Auch die anderen Menschen sehen für einen Augenblick nur das
das Lichtwunder und vergessen ganz den Schreck und die Aufregung der letzten Minuten. Ein paar Leute und der Zugführer springen aus dem Zug in den knietiefen Schnee. "Was ist jetzt wirklich los?" Der Bahnwächter kommt schon mit seinen Kindern daher und entschuldigt sich: "Meine Kinder haben sich die Weihnachtsüberraschung ausgedacht und Sie Lichter auf dem Bäumerl angezündet, damit ihr auch eine kleine Weihnachtsfreude habt."Der Zugführer kommt von der Lok zurück. "Der Lokführer war von dem Licht so geblendet, daß er gemeint hat, es sei ein Signalfeuer auf dem Gleis, drum hat er gebremst." - "Alles einsteigen, bitte! Türen schließen! Wir fahren weiter!" rufen die Schaffner. "Halt! Halt!" schreit da auf einmal vorne eine Stimme. Ein Licht geistert auf der Strecke daher und ein laufender Mann erscheint in den Scheinwerferkegeln der Lok. Keuchend stapft und stolpert er näher, so, als wäre er schon am Ende seiner Kräfte. Zwei Schaffner laufen ihm entgegen und fangen den halb Ohnmächtigen auf. "Nicht fahren! Nicht weiterfahren!" ächzt er, nach Luft ringend. "Warum denn nicht?'" fragen die Schaffner und führen ihn zum Zug. "Da vorn auf der Strecke steht mein Lastwagen. Motordefekt, Mitten auf den Schienen. Ich kann ihn allein nicht wegschaffen. Wollte zum Bahnwächter laufen, damit der mir hilft und die Züge aufhält." - "Komm 'rein in den Zug, - wir fahren langsam vor und schaffen deinen Wagen gemeinsam von den Schienen", sagen die Schaffner und schieben den vor Aufregung zitternden Mann in den ersten Wagen.
Langsam fährt dar Zug bis zu jener Bahnübersetzung, wo das Lastauto steht. Im Nu haben sich genügend helfende Hände gefunden, die das Fahrzeug abschieben. Der Zug fährt weiter. Wie ein Lauffeuer geht die Kunde von Mund zu Mund: "Die Bahnwächterkinder
haben mit ihrem Lichterbaum im Wald ein Zugsunglück verhindert!." Wer weiß, ob der Zug sonst nicht in das Lastauto hineingefahren wäre! "Gelt, Mutti, das Christkind ist durch den Wald gegangen" fragt der kleine Peter, und alle Menschen, die ihn hören, nicken und murmeln: "Ja, das Christkind hat uns beschützt."
E. Vavrosky