ahe am Waldrande stand ein kleines Haus, darin wohnte ein Ehepaar mit
seiner vierzehnjährigen Tochter. Sie waren Fremde, und die Leute aus dem Dorf
wollten nichts mit ihnen zu tun haben.
   Im Herbst pflegten Vater und Mutter in den Wald zu gehen, um Holz zu sammeln. Die kleine
Maria blieb währenddessen zu Hause, sich mit irgend einer Näh oder Hausarbeit beschäf-
tigend. Auch dieses Jahr war es nicht anders, die Eltern waren wieder in den Wald gegangen
und Maria war wie immer zu Hause geblieben. Sie ahnte nicht, daß sie ihre Eltern nie mehr wiedersehen sollte.
Wohl war am Spätnachmittag ein schweres Gewitter niedergegangen, aber das war schon öfter der Fall gewesen und die Eltern doch immer heil nach Hause gekommen
Während Maria alles für die Heimkehr der Eltern richtete, lagen diese, von einem vom Blitz getroffenen Baum
erschlagen, im Walde.
   Maria wartete die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag. Sie hatte keine Freunde im Dorfe, niemanden, zu dem sie gehen konnte, um um Rat und Hilfe zu bitten. Immer wieder lief sie vors Haus, um nach ihren Lieben
Ausschau zu halten, immer vergebens. Als sich endlich Schritte dem einsamen Hause näherten, waren es nicht die ihrer Eltern, sondern die eines Holzfällers, der ihr die traurige Nachricht von deren Tode brachte.
   Die Leute aus dem Dorfe mußten sich nun wohl oder übel des kleinen Mädchens annehmen. Keine der
Bäuerinnen zeigte große Lust, die kleine Fremde zu sich ins Haus zu nehmen, so daß der Dorfschulze schon fürchtete, daß er sie selbst behalten müsse.
   Ungefähr eine Woche verging, als sich eines Nachmittags eine gebückte Gestalt dem Dorfe näherte. Kaum wurden ihrer die ersten Kinder an sichtig, als sie auch schon mit dem Geschrei: Die Waldhexe, die Waldhexe!" schleunigst in die Häuser flüchteten. Im Nu war die Dorfstraße menschenleer. Auch die Erwachsenen lugten nur vor sichtig hinter den Vorhängen hervor, um zu sehen, wohin denn die Waldhexe, die sich seit Menschen gedenken nicht mehr im Dorfe sehen hatte lassen, eigentlich ginge. Die Alte war inzwischen bis an das Haus des Schulzen gelangt und, ohne anzuhalten oder anzuklopfen, in den Flur getreten. Als sie nirgends ein lebendes Wesen erblickte, begann sie mit keifender Stimme nach dem Schulzen zu rufen, der denn auch zögernd am Ende des Ganges erschien. Nachdem ihn die Alte ob seiner Saumseligkeit tüchtig beschimpft hatte, verlangte sie, er möge ihr die kleine Maria mitgeben, denn sie selbst wäre nun schon zu alt, um sich allein um ihr Hauswesen zu kümmern. Der Schulze, der sich wie alle anderen im Dorfe vor der Alten und ihren Zauberkünsten fürchtete, willigte
sofort ein und befahl der zitternden Maria, ihre Habseligkeiten zusammenzusuchen und gleich mit ihrer neuen Dienstgeberin zu gehen. Die Alte packte das verängstigte Kind, kaum daß es fertig war, bei der Hand und zog es hinter sich her, die Dorfstraße entlang und in den Wald hinein.
   Sie hatten lange zu gehen, denn das Haus der Hexe lag einsam auf einer kleinen Lichtung, da, wo der Wald am dichtesten war. Kein Mensch wagte sich jemals in diese Gegend des Waldes; Holzfäller und Beerensucher machten einen weiten Bogen darum, um ja nicht der Waldhexe unter die Augen zu kommen.
   Wohl über zwei Stunden mußten die beiden gehen, bis sie endlich ans Ziel gelangten. Maria war schon so müde, daß sie kaum mehr einen Fuß vor den anderen zu setzen vermochte. Doch auch in der Hütte angelangt, gab es für sie kein Ausruhen, denn da hieß die Hexe sie
eine Arbeit nach der anderen, so daß es tiefe Nacht wurde, als sie endlich, in einer kleinen Kammer auf einem nackten Strohsack, sich zum Schlafen hinlegen durfte.
   Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als die Alte sie auch schon weckte und zu neuer Arbeit antrieb.
   Jeden Morgen pflegte die Waldhexe ihre
Golddukaten zu zählen, und um dabei von Maria nicht gesehen zu
werden, sperrte sie sie währenddessen in ihre Kammer. Da saß
nun das Mädchen mit ihrem Stück trockenen Frühstücksbrotes an
ihrem Fensterehen und schaute in den Wald hinaus, ob denn
niemand käme, sie von hier wegzuführen. Obwohl sie selbst kaum genug zu essen hatte, versäumte sie es doch nie, ihr Brot mit einer ganzen Schar Vöglein zu teilen, die täglich zu ihrem Fensterchen geflattert kamen. Unter ihnen war eines, das war so schön' wie kein Vöglein, das Maria je gesehen hatte. Sein Gefieder schimmerte wie Silber, und auf dem Kopfe trug es ein winziges goldenes Krönlein. Als die Hexe merkte, daß Maria ihr Brot mit den Vögeln teilte, gab sie ihr nur mehr ein ganz, ganz kleines Stück. Maria jedoch hungerte lieber selbst, als ihre kleinen Freunde hungern zu lassen.
   So vergingen drei Jahre, und Maria war trotz schwerer Arbeit zu einem schönen Mädchen herangewachsen. Auch an
diesem dritten Jahrestag kamen die Vöglein wie immer, um sich ihr Brot zu holen' aber wie staunte Maria, als das Vöglein
mit der goldenen Krone plötzlich zu sprechen begann: Maria", sprach es, seit langen Jahren bin ich durch die Zauber-
künste einer bösen Frau in ein Vöglein verwandelt. Nur eines konnte den Bann brechen, nämlich die Gutherzigkeit eines
Menschenkindes, das trotz Armut durch drei Jahre hindurch sein Brot mit mir teilen würde. Viel bin ich in der Welt herum-
gekommen, nirgends konnte ich einen Menschen finden, der um eines Vögleins willen gehungert hätte. Schon glaubte ich
alle Hoffnung aufgeben zu müssen, da fand ich dich hier im Walde. Deine Güte soll nicht umsonst gewesen sein, morgen
bei Sonnenaufgang will ich dich holen kommen und dich heimführen in das Land meiner Väter."
   Bei diesen letzten Worten neigte das Vöglein sein Köpfchen und ließ die kleine goldene Krone in Marias Hand gleiten. Das Mädchen starrte wie verzaubert darauf und wußte nicht, ob es träume oder wache .Doch da wurde es jäh auf geschreckt, denn die gierigen Finger der Hexe griffen über ihre Schultern und bemächtigten sich des Krönchens. Während Maria dem Vöglein gelauscht hatte, war die Hexe, durch die fremde Stimme angelockt, in die Kammer geschlichen und hatte alles mit angehört. Böse kichernd, barg sie nun das Kleinod in ihrer Schürzentasche und gebot Maria schleunigst
ihrer Arbeit nachzugehen.
  Der Tag, verging wie jeder andere, und Maria glaubte nun wirklich, alles nur geträumt zu haben. Am Abend jedoch ließ die Waldhexe sie nicht in ihrer Kammer zur Ruhe gehen, sondern sperrte sie in ihren finstersten Keller. Da weinte sich nun Maria in den Schlaf. Als sie nach Stunden erwachte, wußte sie nicht, ob die Sonne schon aufgegangen sei, denn kein Lichtstrahl drang zu ihr herunter.
   Unterdessen umflatterten die Vöglein schon seit geraumer Zeit das Haus und suchten verzweifelt nach ihrer Wohltäterin. Statt ihrer trat jedoch die Hexe unter die Tür und zeigte ihnen boshaft lachend den Schlüssel zu Marias Gefängnis. Doch kaum noch hatte sie das getan, als auch schon die Vöglein auf sie zustießen und mit ihren Schnäbeln auf ihre Augen, Hände und Gesicht lospickten, so daß sie, vor Schmerz schreiend, den Schlüssel fallen lassen mußte. Drei Meisen hoben nun diesen auf und flogen damit die Kellerstiege hinunter. Unten angelangt, schoben sie ihn mit ihren Schnäbeln unter der Tür von Marias Gefängnis durch. Maria konnte sich nun selbst befreien und lief ihren kleinen Helfern nach, nach oben und in den Wald hinein.
   Von Baum zu Baum flogen die Vöglein, um ihr den Weg zu weisen. Das
Vöglein mit der goldenen Krone jedoch saß auf ihrer Schulter und trieb sie zur Eile an; denn bei Sonnenuntergang mußten sie die Grenze seines Landes erreicht haben. Endlich lichtete sich der Wald, und in der Ferne sah man eine herrliche Stadt liegen, hinter der die Sonne gerade unterging. Als der letzte Sonnenstrahl die Türme der Stadt vergoldete, ging eine seltsame Verwandlung in der Vogelschar vor. Die Spatzen wurden zu herrlichen Rossen, die Meisen zu goldbetreßten Bedienten und die Goldammern zu Rittern in glänzender Rüstung. Am schönsten jedoch von allen war der junge Prinz, der nun auf Maria zukam, um sie vor sich auf sein Pferd zu heben.
   Groß war die Freude der Bewohner der Stadt, als ihr Prinz mit seiner schönen jungen Braut und seinem Gefolge in ihre
Mauern einzog. Eine ganze Woche dauerte das Hochzeitsfest, zu dem von weit und breit die Vornehmsten des Landes
herbeieilten.
   
Lange Jahre regierte das Paar das Land zum Glück und Segen seiner Bewohner. Die Waldhexe jedoch ging blind und
elend in ihrer Hütte zugrunde. Die böse Frau schmachtet, so sie nicht gestorben ist, noch heute in einem finsteren
Kerkerloch.
Dorfschulze wurde früher der Bürgermeister genannt