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etz dich ans Fenster und sieh den Tropfen zu", sagte die Großmutter zum kleinen Willi. Es reg-
nete schon seit Tagen. Die Straße lag aufgeweicht da, der Schmutz quoll zwischen den Steinen hervor, und große Wasserlachen breiteten sich wie kleine Seen aus. Immer noch regnete es gleichmäßig fort; tipp-tapp-tapp machte die Dachrinne. Willi langweilte sich sehr. Seine Bilderbücher hatte er schon fast auswendig gelernt, nun wusste er mit seiner Zeit wirklich nichts mehr anzufangen. Hie und da fuhr eint Wagen auf der Straße vorbei, dann spritzte das Wasser aus den kleinen Seen nach allen Seiten hin, und darin lag noch die einzige Unterhaltung für den kleinen Willi. Schläfrig lehnte er am Fensterkreuz und sah den grauen Regenfäden zu; wenn sie wenigstens bunt gewesen wären!
    Es wollte schon Abend werden, und immer seltener gingen
draußen Menschen vorbei. Die grauen Regenstriche fielen dicht an dicht, und die Dachrinne trommelte. Willi musste mit den Augen blinzeln, so eintönig wurde ihm das Bild draußen. Die grauen Fäden webten einen dichten Vorhang - plötzlich aber teilte er sich und Willi sah ein kleines Mädchen vor dem Fenster stehen. Wie aus dem Nichts war das selt-same Ding zwischen Wassersträhnen aufgetaucht, das Haar klatschte ihm nass an die Wangen und von den Schultern hing ein Umhang bis zu den Zehen herab, grau fließend wie der Regen selbst. An den Füßen trug es grüne Moosschuhe, weich, locker und warm wie Heu, die Wasser-tropfen rannen davon ab und schimmerten wie Perlen und Diamanten. Das Sonderbarste an der Erscheinung aber war, daß der Regen dem kleinen Ding scheinbar die größte Freude bereitete! Die Augen des kleinen Mädchens schimmerten so blau wie das erste Stückchen Sonnenhimmel nach langen Regentagen, und es lächelte und winkte so vergnügt, daß der kleine Willi neugierig wurde und das Fenster öffnete.
"Was machst du denn da, Willi, es weht ja kalt herein!" klagte die Großmutter aus ihrem Lehnstuhl. Aber da trug - wuff - der starke Wind den kleinen Willi zum Fens-ter hinaus, die Scheiben
schlugen klirrend zu und er stand auf der Straße mitten im Regen.
   "Zieh nicht ein so verdrießliches Gesicht!“ sagte das kleine Mädchen zu Willi. "Schau, wie lustig es heute heraußen ist!" Dabei schlug es seinen graufließenden Umhang auseinander, unter dem es das schönste Kleidchen trug, aus tausend Spinnwebhäutchen ge-webt und mit glitzernden Tropfen besät, eine Kette fein gedrechselter Schneckenhäuschen hing um seinen Hals, und seinem Gewand entströmte der frische feine Geruch nach Blüten und Gräsern. Willi bemerkte nun selbst nicht mehr, wie stark es regnete, er blickte in die fröhlichen Augen und wurde selbst froh darüber. "Wie heißt du denn?" fragte er. "Trallala
ich bin die Regenprinzessin. Komm ein Stück mit mir! Deine Großmutter ist eingeschlafen, und bis zur Abendsuppe bist du längst zurück.
  Ja, da ging er gleich mit, der kleine Willi, und sie platschten zu zweit zur Wiese hinüber. Mittenin die größten Lachen sprangen sie. Die Wiese war sumpfig geworden, bei jedem Schritt senkte sich der aufgeweichte Boden und das Wasser gluckste hervor. Gerade das aber schien der Regenprinzessin die, größte Freude zu bereiten. Mit weiten Schritten setzte sie plitsch-platsch - über Seen und Bächlein hinweg, und der kleine Willi musste mithalten, ob er wollte oder nicht. Das Wasser flutete nach allen Seiten auseinan-der und die übermütigen Frösche sprangen mit ihnen um die Wette, setzten sich der unerschrockenen Prin-zessin auf die Schulter, und sie nannte sie "kleine Kätzchen". Das war ein Tanz! Hüpf auf und hüpf ab, das Wasser gluckste.und sprühte, die grünen Frösch-lein quakten und hüpften, und dazu regnete es noch immer in Strömen.
    "Das ist ein herrlicher Tag heute!" sang die Regen-prinzessin, und Willi fand es mit einem Male auch über alle Maßen schön. "Wo bist du denn zu Hause?" fragte er. "Dort führt der Weg über den großen Regenbogen in das weiße Wolkenschloß", sagte die Prinzessin. "Komm mit, kleiner Willi, heute gibt es Schnecken-süppchen und Vergißmeinnichtsalat zum Abendbrot. Der Regen hatte ganz sachte zu regnen aufgehört, und ein Streifen helles Blau, so blau wie der Prinzessin Augen, kam zwischen den Wolkenpalästen hervor, schillernd spannte sich die Regenbogenbrücke zu ihnen hinauf. Willi war sehr müde geworden, und als er gerade zu weinen beginnen wollte, weil seine Füße ganz naß in den Schuhen steckten, rief die Regenprinzessin: "Paß auf, was ich dir jetzt Hübsches zeige!" Dabei drehte sie sich rasch im Kreise, sprühend wie ein großer Regentropfen, schimmernd in allen Farben, Millionen tanzender, glitzernder Wassertröpfchen mit sich herumwirbelnd. Zarte Schleier stiegen aus der Wiese auf, die Prinzessin zog sie, zwischen den Gräsern hervor und schlang sie um Kopf und Schultern, an die Brust aber steckte sie, als prächtigen Schmuck, einen grünschillernden Käfer.
     "Und nun führe ich dich zu mir hinauf ins Schloß! Hier unten ist es ungemütlich geworden - brr, jetzt kommt auch noch die Sonne hervor."
    Rasch packte die Prinzessin Willi an der Hand und
zerrte ihn zum Regenbogen hin. Steil und glatt ging die Bahn zu den Wolken empor. Als er einmal zurückblickte, sah er weit unten die Wiese liegen, die Straße und das Haus, die Sonne schien und im Gärtchen leuchteten die Blumen in frischen Farben. Das Wolken-schloß aber segelte langsam dem Horizont zu. Nein, Willi wollte lieber zu Hause sein! Laß mich los!" schrie er, und nun glitt er auch schon zur Erde, nieder, die Dachrinne entlang und - schwups zum Fenster hinein. Er schlug die Augen auf und sah draußen die Sonne scheinen, vom verblassenden Regenbogen aber wehte ein feiner weißer Schleier herab.
Helene Ehmann