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Bunt sind schon die Wälder

Traditioneller Text
Textergänzung zum Erntedank
1. Bunt sind schon die Wälder,
    gelb die Stoppelfelder,
    Und der Herbst beginnt.
    Rote Blätter fallen,
    graue Nebel wallen,
    Kühler weht der Wind.

2. Wie die volle Traube
    aus dem Rebenlaube
    Purpurfarbig strahlt!
    Am Geländer reifen
    Pfirsiche, mit Streifen
    Rot und weiß bemalt.

3. Flinke Träger springen,
    und die Mädchen singen,
    Alles jubelt froh!
    Bunte Bänder schweben
    zwischen hohen Reben
    Auf dem Hut von Stroh.








4. Geige tönt und Flöte
    bei der Abendröte
    Und im Mondesglanz;
    Junge Winzerinnen
    winken und beginnen
    Frohen Erntetanz.
4. Wer ließ alles spriessen
    auf den Äckern, den Wiesen ?                
    Wer gab Wachstum und Saft ?
    ER schuf alles Leben
    in dem Korn, in den Reben
    Leben ist seine Kraft.

5. Du Herr willst alles hegen, schützen,
    schützen, bewahren und pflegen;
    alles hast Du bedacht.
    Du lässt keimen, sich regen,
    du schenkst Sonne und Regen
    Du Herr, des Lebens Pracht.

6. Aus den reifen Feldern,
    aus den tiefsten Wäldern
    klingt ein voller Klang:
    DU gabst Licht und Wärme
    DU schenkst reiche Ernte;
    Dir nur sei Lobgesang !

7. Und an jedem Morgen
    scheuchst du unsere Sorgen
    in den Himmel hinaus.
    Himmelblau und Helle
    Berge, Meereswelle:
    Alles Herr ist Dein Haus.

8. Geige tönt und Flöte
    bei der Abendröte
    Herr, wir bringen Dir Dank.
    Eh wir es begreifen
    Lässt Du alles reifen
    Dir nur Herr sei unser Dank !


Worte: J. Gaudenz Frhr. v. Salis-Seewis 1782
Weise Johan Friedrich Reinhardt (1799)
Midisequenz: Herbert Fritz



Worte: Gerhard Fleischer (1996)
Weise Johan Friedrich Reinhardt (1799)
Midisequenz: Herbert Fritz




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Entstehungsgeschichte der religiösen Strophen
(zu "Bunt sind schon die Wälder")

Bewegt von Konzertbesuchen, in denen Joseph Haydns "Die Schöpfung" und "Die Jahreszeiten" aufgeführt wurden, begegnete mir das Herbstlied "Bunt sind schon" in den 90er Jahren wieder, dessen Entstehungszeit sowohl textlich als auch von der Melodie her in die Zeit der Abfassung der beiden grossartigen Werke Haydns fällt. Ich empfand das Lied in Text und Weise berührt von dem Geist, der in den grossen Kompositionen Haydns weht. Die Melodie, die mir so gelungen und schlüssig wie etwa Haydns "Gott erhalte Franz, den Kaiser" erscheint, hatte die Kraft, zum Volkslied zu werden. Der Text, der im Geist der Aufklärung bewusst die Dimension der Metaphysik meidet, schien mir wertvoll, aber für mein Empfinden unvollstän-dig zu sein.

Zudem fand ich es schade, dass dies stimmungsvolle Lied im heutigen Musikunterricht in den Schulen kaum mehr vorkommt, jedenfalls nicht bei meinen Kindern. So beschloss ich noch eine religiöse Strophe zu finden, die eine Brücke zwischen den vorhandenen Strophen und der Glaubenswelt eines Paul Gerhardt beispielsweise, (was die Schöpfung betrifft, formuliert in: "Geh aus, mein Herz und suche Freud") schlagen könnte. Als ich meine Notizen sortierte, war Material für etwas mehr als 4 zusätzliche Strophen vorhanden.

Mir war und ist dabei bewusst, dass das Transzendieren der Naturlyrik von Volksliedern (oder in diesem Fall: eines volkstümlichen Kunstliedes) eine Gratwanderung ist, denn man vollzieht ja dabei Stil- und Milieu-wechsel. Ich bin aber der Überzeugung, dass nicht nur unsere Zeit, sondern keine Periode der Welt-, Kunst- oder Musikgeschichte in geschlossenen Stilwelten und Milieus lebt(e). Ich bejahe deshalb prinzipiell die postsäkulare Contrafactur: Sie erlaubt, wie-derum nach dem Vorbild des Barock (– nicht nur bei Bach zu sehn –) schöpferischen Umgang mit vorhandenem Material, das zitiert, gewandelt, in Eigenes konglomerat-artig eingebaut wird, so dass letztlich etwas daraus entsteht, das nicht nach dem Etikett "neu, noch nie dagewesen" schreit, sondern stimmig und harmonisch ein Lebens- (und Glaubens-)gefühl in seiner Ganzheit ausdrückt.

Mit dem Orgelsatz, der die Melodie kräftig auf dem 1. Manual hervorhebt, der linken Hand homophone Begleitung zuweist und dem Pedal ein lebendiges Achtelspiel vorschreibt, das die Lebendigkeit all dessen, was atmet und lebt, widerspiegeln will und sich an barocke Vorbilder im Stile des bewegten Basso continuo anlehnt, wurde dies Lied einige Jahre in manchen Ernte-dank-Gottesdiensten gesungen. Auch einige Jahrgänge von Jugendlichen lernte so dies wun-derbare alte Lied in Jugendgottesdiensten kennen.

Es würde mich freuen, wenn es weiterhin Verbreitung findet.


Gerhard Fleischer
fleischger@yahoo.de




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